 Wenn die Tunnel in den Ohrwascheln Größen annehmen, dass man sie bequem fisten könnte, wenn gepeckte Arme stolz zur Schau gestellt und Bandanas von Nachwuchs-Gangster knapp über den Augen gewickelt werden, dann ist der Hardcore im Haus, jene Musik, die zunächst einmal aggressiv ist, dann aggressiv, gehörig angefressen und dazu ein bissl aggressiv. Kurz: Wenn dir die Gesellschaft ein paar Tachteln auflegt, revanchiere dich bei ihr mit ein paar Geraden. Und brüll sie an.
Dementsprechend ruppig ging es im nicht vollen Gasometer zu, wo die traditionsreiche Persistence Tour Station machte. Im Gepäck hatte sie mit Suicidal Tendencies sowie Biohazard zwei Veteranen des Genres und mit Terror, Walls Of Jericho, Lionheart und Crushing Caspars die Nachfolge- bzw. Enkelgeneration zu bieten. Ordentlich Programm zum Austoben.
Von den ersten beiden Bands aufgewärmt, wurde das Publikum bei Walls Of Jericho schon früh am Abend bestens bedient. Die Band konnte vor allem Dank ihrer Sängerin Candace Kucsulain punkten. Die hat trotz muskulöser, großflächig tätowierter und geschätzter 150 cm Körperlänge die Stimme eines 2,10 Meter großen/160 Kilo gewaltigen Kolosses und legt eine Energie an den Tag, die jedes sich ihr entgegen stellende Hindernis pulverisieren würde. Mit der Dame möchte man verständlicherweise keinen Konflikt, weshalb ihren Befehlen zum Circlepit nicht widersprochen wurde. Ein Highlight des Abends und in Summe Sieger der Herzen.
Nicht ganz überzeugen konnten danach Terror. Kaum Abwechslung, dafür mit ordentlichem Gebrüll und wie schon ihre Vorgänger auf den breiten Bühnengraben schimpfend, lieferten Scott Vogel und Co eine ganz passable aber nicht restlos überzeugende Leistung. Da half auch das ins Publikum geworfene Mikro und die Appelle an die große Hardcore-Familie nichts, der Auftritt blieb Durchschnitt.
Biohazard machten dafür alles richtig. Lange genug im Geschäft und mit neuem Album bestens vorbereitet, schafft es die Institution, Aggressivität und Melodie geschickt zu verbinden, sodass auch die Nicht-Hardcore-Hardcore-Fans auf ihre Kosten kamen. Soviel Fan-Nähe (Publikum auf der Bühne, Abklatschen, Fotos,...) bot keine andere Band, dazu viel Action on Stage, alles zusammen machte Biohazard zum Sieger des Abends. Dass dann noch Billy Graziadei nach dem Konzert am Bühnengraben auftauchte, mit Fans plauderte, sich bei den Fotografen erkundigte, ob alles gepasst habe und sich für das wenige Licht entschuldigte, zeigte noch einmal deutlich, dass hier die Rede von "wir sind eine Familie" nicht bloß leeres Blahblah ist. Thumbs up!
Zum Abschluss legten Suicidal Tendencies dann noch ein gutes, aber nicht restlos überzeugendes Set hin. Während die anderen Bands ihre Haltung glaubhaft machen konnten, wirkten ST zu abgebrüht. Statt dass über die Musik echte Wut transportiert wurde, dominierte das Gefühl, hier eine einstudierte Show geboten zu bekommen. Geben wir den Leuten, was sie wollen, auch wenn wir nach 30 Jahren Bandgeschichte anders denken. Hochachtung allerdings vor dem Mann am Bass, der mit einer gewaltigen Portion Funk den Sound auffettete. Dazu kam dann die Wah-Wah-Gitarre, womit ST die Kurve noch geschafft, uns versöhnlich gestimmt und für einen guten Konzert-Ausklang gesorgt haben.
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